Autoimmunerkrankungen

Frühe rheumatoide Arthritis  Bildnachweis Dr. Thomas Karger

Frühe rheumatoide Arthritis
Bildnachweis Dr. Thomas Karger

Unter diesem Begriff werden in der Medizin eine Fülle von Krankheiten zusammengefasst, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Das Immunsystem hat primär die Aufgabe, zwischen „Ich“ und „Nicht-ich“ zu unterscheiden, d.h. den Organismus gegen körperfremde Strukturen zu schützen z.B. Viren und Bakterien, aber auch andere chemische oder biologische Substanzen.

Neben dem angeborenen Immunsystem ist das erworbene Immunsystem entscheidend für die spezifische Abwehr definierter Strukturen. Polizisten und Kriminalisten sind hier die T- und B-Zellen:

 

  • T-Zellen überprüfen den „Personalausweis“ jeder Zelle: dies sind Eiweißstrukturen auf der Zelloberflächen (sog. MHC-Komplexe), die für jede Zelle typisch und somit zentrale Unterscheidungsmerkmale für körpereigen und körperfremd sind.
  • B-Zellen sind zuständig für die Produktion von Antikörpern, z.B. nach Kontakt mit Krankheitserregern und führen zu einer Immunantwort gegen einen erneuten Kontakt (Antikörperbildung nach Kinderkrankheiten, Impfschutz).

Nachdem eine T-Zelle eine fremde Struktur (Antigen) erkannt hat, können verschiedene Abwehrmechanismen in Gang gesetzt werden. Über Botenstoffe (Zytokine) können andere T-Zellen zu Killerzellen aktiviert werden, die direkt angreifen, oder B-Zellen, die sich zu Plasmazellen umwandeln und Antikörper produzieren.

Bei Autoimmunkrankheiten ist diese normale Polizeiarbeit des Organismus gestört, ohne dass wir bei den verschiedenen Krankheit die exakte Ursache kennen. Die Ursachen sind vermutlich ein komplexes Geschehen zwischen angeborenen und erworbenen Mechanismen:

Der MHC-Komplex ist durch die genetische Struktur definiert, geringe Änderungen in der DNA können Veränderungen auslösen. Epigenetische Einflüsse spielen hier eine mögliche Rolle, d.h. die Veränderung der nicht-codierenden DNA durch individuelle, äussere Einflüsse (Ernährung, Umwelt, Infektionen, Rauchen, Klima u.a. Faktoren).

Eine weitere Hypothese ist die „Mimikry-Hypothese“: Bestimmte (Darm-) Bakterien haben Oberflächenstrukturen, die von T-Zellen als „körperähnlich“ identifiziert werden. Diese T-Zellen können diese Verwechselung nicht feststellen und greifen dann eigene Körperzellen an. Eine Reihe anderer Faktoren werden wissenschaftlich diskutiert. Generell lässt sich feststellen, dass nicht einzelne Faktoren ursächlich in der Entstehung von Autoimmunerkrankungen verantwortlich sind.

In der medizinischen Literatur sind mehrere hundert Autoimmunerkrankungen beschrieben. Im wesentlichen kann man unterscheiden zwischen Erkrankungen, die sich aufgrund spezifische Antikörper nur auf ein Organ beziehen und zur Organzerstörung führen können (z.B. Hashimoto Thyreoiditis, Myastenia gravis) und den systemisch-entzündlichen Krankheiten, bei denen neben einer hohen Entzündungsaktivität im Blut unterschiedliche Organe angegriffen werden können. Hierzu gehören im weitesten Sinne die rheumatischen Erkrankungen (rheumatoide Arthritis, Kollagenosen, Vaskulitiden u.a.), aber auch eine Reihe anderer Erkrankungen (z.B. Diabetes mellitus Typ 1, Multiple Sklerose, Sarkoidose u.a.).

Die chronisch entzündlichen Darmentzündungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa) werden aktuell nicht mehr zu den Autoimmunerkrankungen gezählt. Man geht heute davon aus, dass ursächlich Störungen der  Darmmikrobiota (unseren „Untermietern“)  und der Darmbarrierefunktion vorliegen.